1000 UND EIN AUTOMATENRING

Hauseggers Automatenringe zeigen endlich viele Möglichkeiten der Gestaltung, um immer wieder an einer spannenden Wendung abzubrechen, wieder aufgenommen und in eine andere Richtung getrieben zu werden. Es ist eine Geste des Beutemachens, fünf verschiedene Ringe an einer Hand, zehn an beiden Händen.
Seine Ringe greifen die Grundformen Kreis, Rechteck, Dreieck und Quadrat auf und variieren diese endlich.
In Versuchsanordnungen, in offenen Tragekombinationen werden sie immer wieder neu gemischt. Er stellt Behauptungen auf und leistet sich formale Experimente, dekliniert einzelne Formen gewissenhaft durch.
Er eröffnet dem Träger Möglichkeiten, indem er dessen eigene Imagination herausfordert
und ihm die Fortführung der Tragekombination überlässt, die er begonnen hat.

Jedes Stück ist handgearbeitet und ein Unikat. Zurzeit sind Exemplare im MAK -shop bei song Praterstrasse und in der Galerie V&V ausgestellt.

POLYESTER

"Der Schemel im Schatten des afrikanischen Hockers, die Hofmannsche Sitzmaschine hüpft in die Kanzel der Düsenjets und mutiert zum Schleudersitz und landet gebremst durch einen Fallschirm im Karussell der Vergnügung." Bernhard Hausegger

Bernhard Hausegger nimmt sich der ausrangierten, weggestellten Sessel und Stühle an, die er findet oder geschenkt bekommt. Er analysiert die Formensprache seiner Fundstücke und sucht nach möglichen Variationen.
Er bearbeitet die Sitzobjekte mit Polyester, dem Material, an das heute belächelte architektonische Allmachtphantasien der 60er und 70er Jahre geknüpft waren - komplette Wohnlösungen aus einem Guss schienen realisierbar zu sein. Der Werkstoff ermöglicht Hausegger ursprünglich notwendige, tragende Verbindungen der Möbel einfach wegzunehmen, ebenso, wie ihr Volumen zu verändern. Jedoch bleibt das Original als Kern immer erhalten und erkennbar. Durch diese minimalen Veränderungen werden neue Blickwinkel und Perspektiven eröffnet.
Sabine Dortschy


BEHAUPTEN ICH BIN APPETITLICH ODER 1001 ZEICHNUNG

Wie Scheherazade, die Tochter des Wesirs des Königs Schahriyar, erzählen Hauseggers Zeichnungen unendlich viele Geschichten, um immer wieder an einer spannenden Wendung abzubrechen, wiederaufgenommen und in eine andere Richtung getrieben zu werden. Es ist eine Geste des Beutemachens, wenn Hausegger sich des kollektiven Bildgedächtnisses bedient, seine Figuren sind den Märchen und Comics aber auch medial vermittelten Bildern entliehen. Wie in einer Versuchsanordnungen, in offenen Bildkombinatoriken werden sie immer wieder neu gemischt. Er erzählt Tragödien, Komödien Anekdoten, stellt Behauptungen auf und leistet sich formale Experimente, dekliniert einzelne Formen gewissenhaft durch. Seine Motive unterlaufen immer wieder hinterhältig ihre ursprünglich lieblich-harmonische Konnotationen: Zwerge lassen die Hose hinunter, Lämmchen bluten, kleine Mädchen zeigen traurig ihren Schritt und Ponies haben nur drei Beine
Er eröffnet dem Betrachter Möglichkeiten, wenn er dessen eigene Imagination herausfordert
und ihm die Fortführung der Episoden überlässt, die er begonnen hat, Wie Scheherazade erzählt er fast atemlos, in der Hoffung auf eine weitere Gelegenheit, auf noch eine Geschichte in einer neuen Nacht.
Sabine Dortschy


OR ELSE

„Was er bisher für unwirklich gehalten hat, muß er wirklich machen. Er muß wirken, um Wirklichkeit zu machen, an die er sofort wieder Hand anlegt, um etwas anderes draus zu machen.“ Elfriede Jelinek zu den Plastiken von Bruno Gironcoli, aus „Das Schöpfergeschöpf“, 1997

Der in den frühen 1980er Jahren bei Bruno Gironcoli ausgebildete Bildhauer Bernhard Hausegger akkumuliert vielfältige Versatzstücke, fügt hinzu, verdeckt, zitiert und erzählt. In der Enge des kleinen Atelierraumes drängen die Skulpturen gegen die Begrenztheit des Raumes an. Auf mobilen Sockelkonstruktionen bauen sich die Konstruktionen spiralartig um ihre Armierungen herum auf. Jedes Teil hält in sich die Spannung einer improvisierten Situation, stellt Fragen nach seiner ursprünglichen Verwendung, seines Fundortes, nach Spuren seiner Bearbeitung, Textur und Form oder seiner Bezüge und Verweise. Verarbeitet werden Fundstücke, wie Töpfe Verschalungsrohre, Stühle, Metal- und Holzreste, Gummireifen, Leinwände uvm. In ihrer Gesamtheit verhandeln diese Skulpturen idiosynkratisch die gundlegenden Themen skulpturalen Gestaltens: das Objekt in seiner Objekthaftigkeit, Verhältnis und Funktion von Skulptur und Sockel, die Plastik als Prozess des Hinzufügens, Volumen und Raum oder Material im Verhältnis zu Form und Inhalt. Kunstimmanente Bezüge und Verweise legen nicht zufällig einer Hommage gleich die Spuren zu Kippenberger (Laterne), Oldenburg (Mickey Mouse-Maske) oder Eames (Stuhl).

Der Charme dieser Plastiken liegt in ihrem provisorischen Auftreten und ihren ironisch-humorvollen Anspielungen. Für die Ausstellung Or Else, in der Webster University, transferiert Bernhard Hausegger sie auf ihren flachen beweglichen Podesten wie voll beladene Schiffe in den Ausstellungsraum und nimmt die halbhohe Wandverkleidung seines Ateliers als Einfriedung und Rahmung der Aufstellung gleich mit. Bei höchst ökonomischem Einsatz der zur Verfügung stehenden Mittel und einer unverhohlenen Präsenz der Arbeitsprozesse entwickelt sich ein Sog, der eine Flut von scheinbar zusammenhanglosen Gedankenfetzen wie Treibgut hinter sich herzieht. In den Lücken und Löchern zwischen dem, was ist oder sein kann, entstehen Kombinationen, die in unseren Köpfen jeweils eigene kleine Geschichten zum Besten geben, wie die des kopflosen Vogels, der vor seinem Häuschen sitzend zur Laterne blickt, die Kippenberger wohl in Wien vergessen hat, oder aber ...

Hausegger bewegt sich in einem städtischen Raum. Seine Tätigkeit als Restaurator von Gebäuden und Skulpturen konfrontiert ihn mit einer Fülle von zeitgenössischen und historischen Versatzstücken, die er in seinen Plastiken inhaltlich und real verarbeitet. Und er liefert den Beweis, dass nichts verloren geht, wenn diese bearbeitet und frei arrangiert zu neuen Gedankenverbindungen führen.
Linda Klösel